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Umtrieb unter der Hochbrücke

Josephin Böttger zeigt ihre Film-Collage

Von Jens Rönnau

„Umtrieb“ ist mal wieder auf Tour. Bizarre Orte des liebevollen Organisationsduos Katharina Jesdinski und Ulrich Horstmann gewohnt, gab es kaum Zweifel, dass auch der nächste Aktionsort den Besuch lohnt: Kiel Wik in der Nacht, tief unter den Holtenauer Hochbrücken, direkt zwischen den über 40 Meter hohen Betonpfeilern. Das „Haus Austen“ ist mal wieder aufgeschlagen – jene labyrinthisch geformte weiße Zeltplane. Just in deren Mittelpunkt liegt das Aktionszentrum der Hamburger Künstlerin Josephin Böttger für ihren Film „Der Unschärfe Realismus“. Eine Reihe von Filmprojektoren und Video-Beamern ist am Rattern. Jeder der vier inneren Wände hat Platz für ein bis zwei Projektionen: geheimnisvolle Hafenszenen, eine nächtliche Straße, ein rasender Passagierdampfer im filmischen Schnelldurchgang, ein altes Haus, ein weltkugelartiges Rundbild. Vor dem „Haus Austen“, direkt an der Uferkante des Kanals, ist eine Bar aufgebaut: Bier, Sekt, Wein, Brot, Käse und Kieler Sprotten. Wie bestellt rauschen innerhalb von einer knappen Stunde drei Luxusliner vorbei, darunter die „Norwegian Dream“.

Joesephin Böttger, sie studierte Visuelle Kommunikation an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, ist spätestens seit ihrem Projekt der letzten Art Genda mit dem Klinik-Projekt in St.Georg bekannt – ein Spiel mit Besuchern als Patienten unter mysteriöser Beobachtung, obwohl gar nichts passiert. Und unter solchen Vorzeichen steht auch ihr aktuelles Filmprojekt, für deren Inszenierung sie mit Bedacht das Zentrum zwischen den schwindelerregend hoch erscheinenden Brückenteilen wählte.
Der Hauptfilm scheint ein Sience-Fiction-Krimi zu sein: dumpfe, gurgelnde Laute aus großen Lautsprechern rundum. Akten werden durchwühlt, konspiratives Treppensteigen im langen Trenchcoat, Warnungen, Flucht im Schnellboot unter Verlust der Gravitation, von Quantenvorhersagen und zerstäubten Molekühlen ist die geheimnisvolle Rede, Wortfetzen sind eingeblendet – Filmgenre und Comic verschmelzen, Sitzungen in hellen Bürokomplexen werden von außen beobachtet. „Sind die Gesetze der Schwerkraft zu brechen?“
Solche pseudowissenschaftlichen Fragen legt die Hamburgerin bei ihrem Film zugrunde, wählt völlig alltägliche Drehorte dazu, die erst durch die von ihr geschaffenen Zusammenhänge jene Geheimnisse, ja Düsternis erhalten. „Das Unmögliche behaupten, um eine neue Sicht auf die Dinge zu kriegen“, ist eine wesentliche Motivation der Hamburgerin. Der Standort unter den Holtenauer Hochbrücken kommt ihr wie gerufen. Als die Nacht länger wird, beginnt sie ihre Film-Loops mit Umlenkspiegeln auf die Brückenpfeiler zu projizieren – neue Sichtweisen schaffen.